Nächster Termin in 2022 Technology for Medical Devices
13.01.2021 - 13:35

Wieviel digital wird normal?

Toll, was sich digital so alles abbilden lässt. Wir shoppen fast nur noch online, jetzt auch Lebensmittel. Wir halten stundenlange Videokonferenzen, unsere Kinder lernen und studieren in virtuellen Räumen. Natürlich gehen auch Messen digital – welche Wahl haben wir? Heute keine. Aber es kommt die Zeit, da werden wir uns im echten Leben wiedersehen. Und dann brauchen wir eine Antwort auf die Frage: Was hat sich digital bewährt und wo ist analog einfach unschlagbar? Ein Beitrag mit Denkanstößen.

1. Virtuelle Messestände
Immer mehr Lösungen für das Ausrichten digitaler Messen drängen auf den Markt. Im virtuellen Raum entstehen großzügige Ausstellungsräume, die weder Miete kosten, noch statischen oder technischen Anforderungen genügen müssen. Das Design ist beliebig innovativ, der Stand kann je nach Software mit Bildern, Videos, Audio-Dateien oder komplexen Elementen wie 3D-Objekten und Animationen ausgestattet werden. In der realen Welt hingegen entstehen Messestände mit handwerklicher Kompetenz und viel Erfahrung in Sachen Gestaltung, Produktion, Transport, Montage, Lagerung und Wiederverwendbarkeit. Zusammen mit der Flächenmiete entsteht ein finanzieller Aufwand, den der Aussteller seinem individuellen Budget gemäß anpassen muss.

  • Welchen Effekt hat es, wenn ein Aussteller in der digitalen Welt einen Messetand erschafft, den er sich in der realen Welt niemals leisten könnte? 
  • Enttäuscht er mit seinem „normalen“ Stand auf der nächsten Präsenzmesse Erwartungen und schadet damit vielleicht dem Image seines Unternehmens?

2. Wichtige und wertvolle Beiträge
Auch in Corona-Zeiten müssen Unternehmen Präsenz zeigen. Dazu leisten digitale Messeformate einen wichtigen Beitrag. Wichtig bedeutet aber nicht zwingend wertvoll. Was Letzteres heißt, hat uns ebenfalls Corona gelehrt: Denn wertvoll ist das persönliche Gespräch, die nicht-digitale Interaktion am Messestand, auf Tagungen, Konferenzen, Roadshows und Workshops. Weil wir weniger Menschen treffen, sind wir aufmerksamer geworden, hören besser zu und wissen echtes Interesse zu schätzen. Vermutlich wollen wir uns nach der Corona-Krise deshalb noch intensiver austauschen, besser vernetzen und mehr gewinnbringende Kontakte knüpfen. 

  • Müssen reale Messen künftig persönlicher werden und mehr Interaktion ermöglichen? 
  • Bedarf es eines noch stärkeren Fokus auf dem Netzwerken untereinander und mit Branchenexperten? 
  • Müssen Veranstalter weiterdenken und hierfür neue (digitale wie nicht-digitale) Angebote schaffen?

3. Lang lebe die Visitenkarte!
Qualifizierte Kontakte bieten Verkaufschancen und sind für ausstellende Unternehmen ein Hauptkriterium für den Erfolg einer Messeteilnahme. Doch oft stellt sich im Nachgang zur Messe heraus, dass nur wenige Kontakte echtes Potenzial haben. Beim elektronischen Austausch von Kontaktdaten erhöht sich dieses Risiko. Zwar kommt man durch das Exportieren von Besucherdaten schneller und einfacher an mehr Adressen. Doch woher weiß man, ob Herr Meyer wirklich Interesse am Produkt hat und Herr Müller nicht vielleicht von der Konkurrenz ist? Und wenn Frau Schmitz seine Privatadresse angegeben hat, darf er erst gar nicht angeschrieben werden. 

  • Werden wir Visitenkarten nach Corona neu schätzen lernen? 
  • Werden sie zu kleinen Dokumenten der Verbindlichkeit? 
  • Und werden sie uns künftig helfen, hochwertigere neue Kontakte zu knüpfen?

4. Duzen oder Siezen?
Der Workshopleiter ist ein lässiger Typ: „Online sagt man ja Du, deswegen würde ich vorschlagen, dass wir aufs Du übergehen. Ich bin der Sven.“ Widerstand zwecklos. Die Online-Gesellschaft ist eben eine Duz-Gesellschaft – oder? Nicht ganz, denn es kommt auf den Raum an, in dem wir uns bewegen. Auf Facebook und Instagram duzt man sich ganz selbstverständlich, bei LinkedIn sagt man „Sie“ und bei XING ist man sich nicht einig (die Mitglieder siezen sich untereinander, der Anbieter aber duzt seine Kunden). Auf Online-Messen gibt es keine einheitlichen Regeln, doch es scheint, dass uns das Du auch dort leichter fällt. 

  • Sollen wir das digital gelernte Du künftig auch auf Präsenzveranstaltungen leben? 
  • Finden wir über mehr Offenheit schneller zueinander, stärkt das Du den Teamgeist der Branche? 
  • Schaffen wir partnerschaftlich schneller Lösungen, die die Innovationskraft der Medizintechnik stärken? 

5. New Normal: winken!
Das Meeting ist zu Ende, alle packen Handys in Hosentaschen, Laptops in Laptoptaschen und Kulis in Handtaschen. Der Geschäftsführer hat es eilig, er klopft zweimal auf den Tisch und hat sich damit von allen Teilnehmern verabschiedet. So oder ähnlich kennen wir das „alte Normal“. Seit Konferenzen per Video stattfinden, verabschieden wir uns verbindlicher. Wir schauen direkt in die Webcam, lächeln – und winken! Diese freundliche Geste ist das „neue Normal“. Tanja Wendling sie so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie kürzlich am Ende eines Telefonats über die Freisprechanlage ihres Autos zum Abschied winkte. Der Fahrer im Auto neben ihr war sichtlich irritiert. Hatte sie im Auto etwa eine Videokonferenz?

Da wir uns alle nach menschlicher Interaktion und mehr Freundlichkeit sehnen: Wäre es nicht schön, wenn wir alle in der analogen Welt wieder mehr lächeln, Menschen in die Augen schauen und winken? Tanja Wendling winkt – Ihnen, liebe Leserinnen und Leser.

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