Wie Europa Quantentechnologien in Wertschöpfung übersetzen kann
Quantentechnologien gelten in Europa als strategisches Zukunftsfeld. Wo steht Europa aus Ihrer Sicht derzeit im internationalen Vergleich – und in welchen Bereichen sehen Sie besondere Stärken?
Europa ist stark in Quantentechnologien, insbesondere in der Forschung, in Anzahl und Qualität von wissenschaftlichen Veröffentlichungen und der Ausbildung von Fachkräften. In Europa hat sich auch ein umfangreiches Startup-Ökosystem gebildet. Nachholbedarf hat Europa beim Scaling von Startups und damit mit der Finanzierung derer. Europäisches Investorengeld geht immer noch lieber in die USA als in Europa zu bleiben.
QuIC vertritt Unternehmen entlang der gesamten europäischen Quantum-Wertschöpfungskette. Welche technologischen Entwicklungen und Marktsegmente gewinnen derzeit besonders an Dynamik?
Wir sehen dynamische Entwicklungen in allen Quantentechnologien und in der Wertschöpfungskette. Dadurch dass besonders viel Geld in Quantencomputing-Hardware-Firmen fließt, sieht man eine starke Dynamik dort, wie auch in der Entwicklung von Verfahren zur Quantenfehlerkorrektur.
Wo sehen Sie aktuell die überzeugendsten Beispiele dafür, dass anwendungsorientierte Quantentechnologien in Europa bereits in Richtung Markt und industrielle Nutzung voranschreiten?
Die Hoffnungen an einen technologischen Umbruch, der durch Quantencomputing ausgelöst wird, sind sehr groß und es gibt starke Hinweise darauf, dass tatsächlich Umwälzungen stattfinden werden. Das wird aber mittel- bis langfristig sein. Im Moment haben wir noch keinen praktischen Nutzen von Quantencomputern. Die technische Reife fehlt noch, auch wenn das Quantencomputing-Ökosystem große Schritte nach vorne macht und sich viele nützliche Anwendungen abzeichnen. Bei anderen Quantentechnologien, wie Quantenkommunikation und Quantensensorik ist die Reife höher und man hat schon die ersten Anwendungen und Märkte.
Welche Anwenderbranchen werden aus Ihrer Sicht in den kommenden Jahren besonders stark von Quantentechnologien profitieren – und warum sind Themen wie Medizintechnik, Aerospace, Defense oder KI aktuell so relevant?
Das ist im Moment noch schwer zu sagen. Bei Quantenkommunikation steht der Aspekt der sicheren Kommunikation im Vordergrund. Wir sehen dort aber auch Schritte in Richtung eines Quanteninternets, das „in Quantenmanier“ Quantencomputer verbinden und auch Quantensensoren einbinden wird. Quantensensoren werden uns bei der medizinischen Diagnostik, der Navigation oder der Detektion von Objekten weiterbringen. Was Quantencomputing betrifft, liegt wohl die Materialwissenschaft und die Quantenchemie am nächsten. Man wird neue Materialien und Chemie gezielter und schneller entwickeln können.
Die KI hat hier zwei Aspekte. Zunächst wird uns die KI helfen, die Quantentechnologien schneller zu entwickeln. Es gibt aber auch die Hoffnung, mit Quantencomputern bestimmte Aspekte des KI beschleunigen zu können oder effizienter bzw. kostengünstiger zu machen.
Europa investiert stark in Quantentechnologien, gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck. Was muss jetzt passieren, damit aus technologischer Exzellenz in Europa auch industrielle Wertschöpfung und globale Wettbewerbsfähigkeit entstehen?
Mehrere Dinge müssen passieren. Einzelne Startups müssen stark wachsen. Wir brauchen internationale Stars unter den Quantenunternehmen in Europa und müssen unsere innovativen Unternehmen auch vor dem Ausverkauf in andere Regionen der Welt schützen. Dazu muss deren finanzielle Basis verbessert werden. Globale Wettbewerbsfähigkeit setzt auch Souveränität voraus. Europa muss die zentralen Elemente der Wertschöpfungskette unter Kontrolle haben. Dann brauchen wir natürlich Anwendungen, die für zukünftige Kunden interessant und nutzbringend sind. Wenn wir unseren zukünftigen Kunden keinen Nutzen bereiten können, wird es keinen Markt für unsere Quantentechnologien geben.
Können Sie aus Sicht von QuIC ein paar konkrete Zahlen, Entwicklungen oder Trends nennen, die zeigen, wie sich der europäische Quantum-Markt aktuell entwickelt – etwa bei Investitionen, Unternehmen, Technologiereife oder industrieller Nachfrage?
Zur Herausforderung bei Investitionen gibt es z.B. Zahlen von McKinsey, die zeigen, dass zwischen 2001 und 2023 die Investitionen in US-amerikanische QT-Startups fast dreimal höher waren als in EU-Startups. Wenn man nur auf privates Kapital schaut, hat man sogar fast einen Faktor sechs Unterschied. Es ist anzunehmen, dass die Zahlen seit 2023 für die EU eher schlechter geworden sind.
QuIC ist Partner der Quantum Effects 2026. Welche Rolle spielen Plattformen wie die Quantum Effects aus Ihrer Sicht für die Sichtbarkeit und Weiterentwicklung des europäischen Quantum-Ökosystems?
Plattformen wir die Quantum Effects spielen eine wichtige Rolle dabei, die Akteure des Ökosystems miteinander zu vernetzen, die aktuellen technologischen Entwicklungen darzustellen und interessierten fachfremden Personen die Möglichkeiten der Technologie und den Stand der Dinge nahezubringen.
Für QuIC geht die Bedeutung solcher Plattformen sogar noch einen Schritt weiter: Sie bieten unseren Mitgliedern die Möglichkeit, ihre Arbeit und ihre Innovationen sichtbar zu machen und sich aktiv im europäischen Quantenökosystem zu positionieren. Durch die Zusammenarbeit mit der Quantum Effects schaffen wir eine Plattform, auf der Unternehmen, Forschungseinrichtungen und andere Akteure miteinander in den Austausch kommen und neue Kooperationen entstehen können.
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