27.05.2026 - 13:26

Aqarios Luna: Wie Quantum Computing in der Praxis ankommt

Wie wird aus Quantum Computing ein Werkzeug für reale industrielle Optimierung? Im Interview spricht Michael Lachner, CEO von Aqarios und Gewinner des Quantum Effects Award 2025 in der Kategorie Quantencomputing Software & Algorithmen, über die Idee hinter Aqarios Luna, den Weg vom Forschungsthema in die Praxis, die Wirkung des Awards und die nächsten Schritte für sein Unternehmen.

Sie haben den Quantum Effects Award 2025 in der Kategorie Quantencomputing Software & Algorithmen gewonnen. Was hat diese Auszeichnung für Aqarios seitdem konkret bewirkt – für Sichtbarkeit, Marktgespräche und die weitere Entwicklung Ihres Unternehmens?

Der Award hat uns insbesondere Glaubwürdigkeit und Sichtbarkeit besorgt. Wenn eine unabhängige Jury aus Wissenschaft und Industrie unsere Arbeit auszeichnet, hat das ein anderes Gewicht als die eigene Aussage als Unternehmen. In der Praxis haben wir gemerkt, dass der Award immer wieder in Gesprächen aufgetaucht ist, oft direkt früh in Gesprächen: "Ihr habt doch den Quantum Effects Award gewonnen." Und intern hat es dem Team gezeigt, dass die Arbeit der letzten Jahre gesehen und anerkannt wird. Das ist ein wichtiges Signal für die Leute, die tagtäglich an unseren Lösungen arbeiten.

Mit Aqarios Luna wollen Sie reale Optimierungsprobleme aus Industrie und Wirtschaft adressieren. Was genau macht Ihre Lösung – einfach erklärt für Leserinnen und Leser, die sich noch nicht täglich mit Quantum Computing beschäftigen?

Optimierungsprobleme tauchen überall in der Wirtschaft auf: Wie weise ich Produktionsaufträge effizient zu meinen Maschinen zu? Was ist die beste Route für meine Flotte beim Ausliefern von Paketen? Wie verteile ich Last im Stromnetz so, dass Kosten sinken und Stabilität erhalten bleibt? Klassische Algorithmen stoßen bei diesen Problemen schnell an Grenzen, weil die Komplexität mit der Problemgröße exponentiell wächst. Quantencomputing eröffnet hier neue Möglichkeiten, Lösungen zu finden, die klassisch nicht oder nur mit enormem Aufwand erreichbar wären.

Luna ist eine Softwareplattform, die es ermöglicht, solche Probleme mit den besten verfügbaren Methoden zu lösen. Wir kombinieren dabei den Zugriff auf klassische, quanteninspirierte und quantenbasierte Lösungen über eine einheitliche, hardware-agnostische Schnittstelle. Nutzer bekommen so das Beste aus allen Welten, ohne selbst in die Technologie einsteigen zu müssen — keinerlei Vorwissen im Bereich Quantencomputing wird benötigt. Wir bieten eine End-to-End-Lösung: Alles was benötigt wird ist ein Optimierungsproblem, und Luna erlaubt es, dieses direkt mit der besten verfügbaren Lösungsmethode zu adressieren. Dazu kommt eine ganze Suite weiterer Entwickler-Features: Tools für Benchmarking, automatisches Übersetzen von Formaten für verschiedene Backends, und vieles mehr.

Viele Menschen verbinden Quantencomputing noch vor allem mit Forschung und Zukunftsvisionen. Wann hatten Sie persönlich das erste Mal das Gefühl: Das ist nicht nur technologisch spannend, daraus kann ein wirklich relevantes Produkt für den Markt werden?

Für mich persönlich war das eigentlich schon sehr früh, noch im Studium, als ich das erste Mal mit Quantencomputing in Berührung kam. Technologisch war die Faszination sofort da. Die Idee, dass man mit Quantenmechanik Rechenprobleme angehen kann, die klassische Computer strukturell überfordern. Aber noch mehr hat mich von Anfang an die andere Frage beschäftigt: Wie schlägt man die Brücke in die Praxis? Wie setzt man das wertstiftend in Unternehmen ein?

Dass ein wirtschaftliches Interesse an der Technologie besteht, hat sich bei Aqarios immer wieder bestätigt. Wir haben mit BASF, MTU, E.ON und vielen anderen Unternehmen Use Cases bearbeitet und dabei gesehen: Das Interesse ist real. Unternehmen suchen aktiv nach besseren Lösungen für ihre Optimierungsprobleme, und Quantencomputing ist ein mächtiges Werkzeug, um Lösungen zu erreichen, die klassisch nicht erreichbar sind. Wenn man das zusammenzählt — Technologie mit echtem Potenzial, Unternehmen mit echtem Bedarf und kaum eine Plattform, die beides verbindet — dann war für mich klar: Genau dafür bauen wir Luna.

In Ihrer Einreichung nannten Sie Anwendungsfelder wie Logistik, Energie, Finanzen und Fertigung. Warum ist gerade das Thema Optimierung so ein naheliegendes und wichtiges Einsatzfeld für Quantum Computing?

Weil Optimierungsprobleme zu den rechenintensivsten Problemen überhaupt gehören und gleichzeitig direkt wirtschaftlich relevant sind. Ein klassisches Beispiel ist das sogenannte Travelling Salesperson Problem: Man sucht die kürzeste Route durch eine Reihe von Städten. Dabei möchte man jede Stadt nur einmal besuchen, und am Ende wieder in der Anfangsstadt landen. Klingt soweit ja recht simpel. Schaut man sich das aber mathematisch an, stößt man auf Folgendes: Bei nur zehn Städten gibt es bereits über 360.000 mögliche Routen. Bei zwanzig Städten sind es 122 Billiarden. Bei fünfzig übersteigt die Zahl der möglichen Routen die Anzahl der Atome im beobachtbaren Universum. Das ist exponentielles Wachstum und die Realität der Komplexität hinter Logistikplanung, Produktionssteuerung, Netzwerkoptimierung und vielem mehr.

Das sind Probleme, die heute nur mit massiven Vereinfachungen oder enormem Rechenaufwand angegangen werden können. Für Unternehmen bedeutet das tagtäglich: Verschwendete Ressourcen, zu hohe Kosten, unausgeschöpftes Potenzial. Quantencomputer hingegen ermöglichen es, solche Probleme effizienter zu adressieren, indem sie Lösungen viel schneller erreichen, oder Lösungen finden, die klassisch schlicht nicht erreichbar sind. Und genau dort ist der Hebel am größten.

Was ist aus Ihrer Sicht das Besondere an Aqarios Luna im Vergleich zu anderen Ansätzen – und warum braucht der Markt genau eine solche Plattform?

Die meisten Ansätze im Quantencomputing-Bereich sind entweder stark hardware-nah oder sehr akademisch ausgerichtet. Luna ist bewusst anders gebaut: technologieneutral und auf echte industrielle Anwendbarkeit ausgelegt. Unternehmen können verschiedene Quantencomputer, aber auch klassische und quanteninspirierte Algorithmen über eine einheitliche Plattform nutzen, ohne sich auf eine Technologie festlegen zu müssen. Dazu bietet Luna eine Reihe von Tools, die es ermöglichen, mit Quantencomputing zu arbeiten, ohne tiefes Expertenwissen zu haben. Man muss keine schwer zu findenden und teuren Quantencomputing-Spezialisten einstellen, um mit der Technologie zu arbeiten. Luna übernimmt die technische Komplexität.

Auf der algorithmischen Seite haben wir proprietäre Algorithmen entwickelt, die spezifisch auf Quantenoptimierung zugeschnitten sind und anders als viele andere Ansätze darauf ausgelegt sind, Probleme so zu adressieren, wie sie in der Wirtschaft wirklich vorkommen — mit komplexen Nebenbedingungen, praxisnahen Problemstrukturen und echten Skalierungsanforderungen.

Das Ergebnis ist eine Plattform, die es ermöglicht, Quantenoptimierung zu nutzen und in einer vertrauten Umgebung zu arbeiten, ohne ein riesiges und teures QC-Team aufbauen zu müssen, sondern mit dem Fokus auf dem, was zählt: wertschöpfende Lösungen.

Sie sprechen davon, dass Luna Unternehmen dabei hilft, die Risiken bei Hardware-Auswahl und Integration zu verringern und End-to-End-Lösungen bereitzustellen. Wie wichtig ist aus Ihrer Sicht genau diese Brücke zwischen Technologie und Business Execution, damit Quantum Computing in der Praxis ankommt?

Technologie und Algorithmen sind natürlich erstmal die Grundvoraussetzung. Ohne leistungsfähige Quantenalgorithmen und Hardware gibt es nichts, worauf man aufbauen kann. Aber die Realität ist: Ein Algorithmus alleine bringt einem Unternehmen erstmal nichts. Es braucht das Wissen, wie man diesen Algorithmus einsetzt, für welche Anwendungen er überhaupt sinnvoll ist, und wie man das Ergebnis in bestehende Prozesse und Systeme integriert, sodass daraus echter wirtschaftlicher Mehrwert entsteht.

Genau diese Brücke ist entscheidend, um aus Forschung und Technologieentwicklung heraus in die Wirtschaft zu kommen. Wir haben bei unseren Projekten immer wieder gesehen, dass es nicht nur um den Algorithmus und Rechenpower geht, sondern genauso darum: Wie kommt das Ergebnis in den operativen Prozess? Wie stellt man sicher, dass ein Unternehmen die Lösung auch wirklich nutzen kann? Luna ist mit dieser Fragestellung gebaut worden. Nicht als Tool für Quantenexperten, sondern als End-to-End-Pipeline, die den Weg vom Problem zur nutzbaren Lösung abdeckt.

Wenn Sie auf die kommenden Monate blicken: Wohin soll die Reise für Aqarios als Nächstes gehen – technologisch, unternehmerisch und mit Blick auf reale Anwendungen?

Wir helfen Unternehmen heute schon, ihre Optimierungsprobleme mit den besten verfügbaren Methoden zu lösen, und wir helfen ihnen gleichzeitig zu verstehen, wo und wie Quantencomputing in ihrem spezifischen Kontext sinnvoll eingesetzt werden kann. Das bleibt unser Kern. Parallel dazu arbeiten wir weiter an der Technologie selbst. Luna wird ausgebaut, unsere eigenen Algorithmen werden stetig verbessert und an neuen, echten industriellen Use Cases erprobt. Das Ziel langfristig ist, Luna als Standard-Plattform für Optimierung mithilfe von Quantencomputing zu etablieren.

Was würden Sie Start-ups und Unternehmen raten, die mit einer eigenen Innovation über eine Bewerbung für den Quantum Effects Award 2026 nachdenken?

Ehrlich sein und konkret sein. Die Jury bewertet nicht, wer die beeindruckendsten Buzzwords benutzt, sondern wer echte Substanz mitbringt. Das bedeutet nachweisbare Ergebnisse, eine klare Problemstellung und eine realistische Einordnung der Technologie. Zeigt einen konkreten Use Case mit messbarem Ergebnis, auch wenn er klein ist. Eine realistische Demo oder konkret nachweisbare Anwendungen schlagen jede PowerPoint-Vision.

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