28.09.2026 - 15:30

Gemeinsam vorwärts: André C. Haiber über die Zukunft der Elektronikfertigung

Wie wird Elektronikfertigung schneller, resilienter und nachhaltiger? Andrè C. Haiber erklärt, wie die elbe gruppe Kundinnen und Kunden vom Entwicklungsstart bis zu Fertigung und Logistik begleitet, wo KI hilft und warum menschliche Expertise sowie partnerschaftliche Lieferketten unverzichtbar bleiben. Auf der EFX zeigt die Gruppe mit Partnern, wie Europas Elektronikfertigung Zukunft gestalten kann.

Die elbe gruppe begleitet Kunden über den gesamten Produktlebenszyklus – von der Entwicklung bis zur Fertigung und Logistik. Welche Vorteile bietet dieser durchgängige Ansatz?

Haiber: Durch unser umfassendes Kompetenzportfolio reduzieren wir für unsere Kunden die Zahl zu steuernder Dienstleister, vereinfachen Schnittstellen, minimieren Fehlerrisiken und beschleunigen die Projektabwicklung. Ganz wichtig ist uns hierbei ein maximal flexibler Ansatz: Wir müssen nicht immer alles machen, sondern füllen genau die Lücken des jeweiligen Kunden beim jeweiligen Projekt oder Produkt. Unser Leistungsumfang kann sich auch im Zeitablauf verändern. So helfen wir mit, die Technologieführer von morgen aufzubauen und kontinuierlich zu begleiten.

Künstliche Intelligenz verändert derzeit viele Bereiche der industriellen Produktion. Wo sehen Sie bei EMS-Dienstleistern den größten konkreten Nutzen von KI, und wo bleibt menschliche Expertise unverzichtbar?

Haiber: Die Nutzung von KI kann einen extremen Produktivitäts-Boost bringen: Große Datenmengen sehr schnell zu sichten, analysieren und verarbeiten ist beispielsweise etwas, was die Maschine definitiv schneller kann als der Mensch. So kann KI uns unterstützen und entlasten, z.B. durch automatische Benachrichtigungen und Vorschläge. Menschliche Expertise können wir dann auf Bereiche fokussieren, die wir nicht der KI überlassen wollen und dürfen: Einerseits konkrete Entscheidungen – ob operativ oder strategisch – die nach wie vor vom Menschen getroffen werden müssen. Andererseits die Pflege der menschlichen Beziehungen zu Kunden und allen anderen Stakeholdern. Wir sind überzeugt: Diese Beziehungen sind gerade in Zeiten fortschreitender Digitalisierung und KI sehr wichtig.

Wie kann ein EMS-Partner bereits in der Entwicklungsphase dazu beitragen, Produkte fertigungsgerecht, testbar und skalierbar zu gestalten?

Haiber: Je früher wir bei einem Projekt an Bord kommen, desto besser. Selbst wenn der Kunde ein Produkt gänzlich ohne Nutzung unserer Entwicklungsdienstleistung entwickeln sollte, freut sich der Rest unseres Teams über engen Austausch mit den Entwickler:innen des Kunden. So können wir eine DfX-Denkweise im Projekt des Kunden vertreten und sicherstellen, dass von Anfang an „vom Ende her“ gedacht wird, d.h. Aspekte wie z.B. Fertigbarkeit, Langlebigkeit oder Nachhaltigkeit adäquat gewichtet werden. Durch intensive Abstimmung während der laufenden Entwicklung können wir hier vieles positiv beeinflussen, was bei einer Anfrage reiner „Auftragsfertigung“ – nach erfolgtem Design Freeze – oft nicht mehr möglich ist.

Angesichts von Bauteilengpässen und volatilen Märkten stellt sich für viele Unternehmen die Frage nach resilienten Lieferketten. Wie unterstützt die elbe gruppe ihre Kunden dabei, lieferfähig und flexibel zu bleiben?

Haiber: Das wichtigste sind realistische Erwartungen. Kein EMS-Dienstleister – nicht wir, nicht andere – wird den Weltmarkt für Leiterplatten oder elektronische Komponenten verändern können. Das gilt erst recht in Europa, das – als Absatzmarkt – im internationalen Powerplay um Bauteile und Fertigungskapazitäten z.B. der Halbleiterhersteller keine besonders große Rolle mehr spielt. Statt falscher Heilsversprechen „Wir lösen jedes Problem und halten den Kunden immer rundum sorglos“ setzen wir daher auf einen ehrlichen, mehrstufigen und partnerschaftlichen Ansatz.

Zunächst gilt es in der Design-Phase der Baugruppe, Bauteile nicht nur nach technischer Eignung – die ist natürlich unverhandelbar – und Preis auszuwählen, sondern auch die Lieferkette im Blick zu behalten. Möglichst gut verfügbare Bauteile mit möglichst mehreren qualifizierten Alternativen schaffen Flexibilität, die man später nutzen kann. Wir unterstützen hierbei durch unsere jahrzehntelange Expertise kombiniert mit state-of-the-art Software-Werkzeugen.

Zweitens ist es wichtig (das fängt beim Kunden und setzt sich über uns und die Distribution bis zu den Herstellern fort), nicht nur kurzfristige Bedarfe zu bestellen, wenn das Lager schon leer ist, sondern dass gemeinsam eine langfristige Absatzplanung erstellt und gepflegt wird, die durch langfristige Rahmenverträge, Sicherheitsbestände o.ä. untermauert wird. Auch hierbei beraten wir unsere Kunden intensiv und finden gemeinsam passgenaue Lösungen. So bekommt die gemeinsame Pipeline Resilienz gegenüber unvorhersehbaren Schwankungen. Damit schafft man sich etwas Zeit um im Fall von Lieferkettenstörungen reagieren zu können.

Und das ist dann Stufe drei des Prozesses: Die akute – aber vorbereitete – Reaktion auf spontan auftretende Störungen – gewissermaßen das Feuerlöschen, wenn’s dann wirklich brennt. Dies fällt wesentlich leichter, wenn die vorigen Stufen gut bearbeitet wurden. Wir haben ein Team exzellenter „Feuerwehrleute“, die schon manche Feuertaufe bestanden haben und den Kunden souverän und kompetent durch solche Krisen begleiten. Auch hier helfen natürlich Software-Tools und die direkte IT-Anbindung an unsere Lieferanten um schnell reagieren zu können.

Wichtig ist, dass all dies nur richtig gut funktioniert, wenn der Kunde den Teamcharakter der gesamten Aufgabe versteht und ebenfalls dazu beiträgt. Bei Kunden, die sich mit Informationen und Commitments möglichst bedeckt halten und alle Last auf den EMS-Anbieter abwälzen wollen, können wir auch vergleichsweise wenig ausrichten und sind mehr oder weniger auf Phase drei – das Reagieren auf akute Probleme – beschränkt.

Wie müssen Entwicklung, Fertigung und Test zusammenspielen, damit Qualität, Rückverfolgbarkeit und Prozesssicherheit über den gesamten Produktlebenszyklus gewährleistet werden?

Haiber: Wir haben ja bereits darüber gesprochen, dass bereits in der Entwicklungsphase der EMS-Partner – also die Fertigung einerseits und die Lieferkettenexperten andererseits – eingebunden werden sollte, um ein Produkt zu designen, das über den gesamten Lebenszyklus optimal gefertigt werden kann. Gerade das Testing ist hierbei die natürliche Schnittstelle zwischen Entwicklung, Fertigung und Qualitätssicherung und sollte ebenfalls ab den ersten Entwicklungsschritten mitgedacht werden – nicht erst, wenn die ersten Prototypen aus dem Lötofen kommen.

Genau aus diesem Grund haben wir alle Disziplinen unter einem Dach. So sind unser Entwickler-Team, die Fertigung einschließlich Prüffeld, unsere Projektmanager:innen – die unsere Kunden betreuen und den Einkauf steuern – und alle Qualitätsfunktionen buchstäblich nur ein Büro oder eine Treppe voneinander entfernt, und enge Zusammenarbeit ist selbstverständlich. In regelmäßigen Abstimmungsrunden während der Entwicklung, insbesondere aber an kritischen Übergangspunkten wie dem Fertigungsstart helfen definierte Kommunikations- und Entscheidungsprozesse (wie z.B. unsere abteilungsübergreifenden Startsitzungen) dabei, einerseits proaktiv und präventiv zu arbeiten und andererseits schnelle Feedbackschleifen zu sichern, damit Erkenntnisse und Potenziale zur Qualitätsverbesserung jederzeit schnell und ohne Zeit- oder Kostenrisiken eingearbeitet werden können.

Nachhaltigkeit wird auch in der Elektronikfertigung zu einer immer wichtigeren Aufgabe. An welchen Stellschrauben kann die Branche ansetzen, und welchen Beitrag leistet die elbe gruppe dabei?

Haiber: Nachhaltigkeit ist eine Grundhaltung und zunächst nicht auf den ökologischen Aspekt beschränkt. Es geht darum, dass das, was wir tun, dauerhaft so getan werden kann, ohne unsere eigenen Existenzgrundlagen abzuschneiden. Für die Elektronikindustrie geht es um den verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen aller Art, seien es Rohstoffe, Energie, unserer Meinung nach aber auch soziale Ressourcen, und um den Abdruck in jeder Hinsicht, den wir in der Welt hinterlassen.

Die „klassischen“ Nachhaltigkeitsthemen wie CO2-Reduktion und Umweltorientierung haben wir schon sehr weit umgesetzt. Unsere Standorte betreiben ISO14001-zertifizierte Umweltmanagementsysteme, sind CO2-bilanziert und arbeiten an anspruchsvollen CO2-Roadmaps, die unsere Scope 1 und 2 – Emissionen in wenigen Jahren auf ein absolutes Minimum gebracht haben werden. Themen wie z.B. PV-Stromerzeugung an unseren Standorten, Umstellung auf LED-Beleuchtung, Elektrifizierung des Fuhrparks und 100% Ökostrom für den verbleibenden Netzbezug sind umgesetzt. Einer der weiteren großen Schritte auf unserer Roadmap ist die Umstellung von den bisherigen Gasheizungen auf Wärmepumpen, die wir für die nächsten Jahre planen. 

Mit der elbe gruppe bündeln elbe electronic und electronic concept ihre Kompetenzen. Welche neuen Chancen entstehen dadurch für Kunden, und welche Entwicklungen werden die Elektronikfertigung in den kommenden Jahren besonders prägen?

Haiber: Für die Kunden beider zuvor separaten Unternehmen bedeutet der Zusammenschluss ein verbreitertes Kompetenzportfolio, mehr Kapazitäten auch für größere Projekte, bessere Reaktionsfähigkeit auf Trends und neue Anforderungen und eine noch konsequentere Fokussierung auf unsere Mission: Beschleuniger für die Technologieführer von heute und morgen zu sein, und diese in der Entwicklung und Fertigung innovativer Produkte für die großen Herausforderungen unserer Zeit wirkungsvoll zu unterstützen. Wir haben viel positives Feedback erhalten – aber auch über den ein oder anderen Verbesserungsvorschlag freuen wir uns immer – und erleben in unserem Umfeld, wie auch im Team, große Begeisterung für die handlungsorientierte Transformationsstrategie der elbe gruppe.

Wir erwarten für die kommenden Jahre eine fortschreitende Konsolidierung der Branche – teils auch vertikale Integration, wenngleich Europa hier gegenüber anderen Kontinenten noch zurückliegt – bei einer weiter andauernden „Dauer-Krisen-Lage“ der Beschaffungs- wie auch Absatzmärkte. Während der globale EMS-Markt kontinuierlich boomt, muss Europa darum kämpfen, den Anschluss nicht zu verlieren, sondern vielmehr wieder an internationalem Gewicht hinzuzugewinnen. Hierfür sind klare Strategien samt agiler und flexibler Umsetzung und „radikales Vorwärtsdenken“ genauso wichtig wie die intensive Kooperation entlang der Wertschöpfungskette. Wichtig zu verstehen ist aus unserer Sicht, dass „die alte EMS-Welt“, wie wir sie insbesondere vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie kannten (ohne dass die Pandemie nun ursächlich für alle Veränderungen gewesen wäre, darum geht es hier nicht), nicht wiederkommen wird. Wir erleben in den 2020ern einen epochalen Umbruch hin zu einer neuen Marktdynamik und -logik. Wir wollen hierbei gestalten statt verwalten und agieren daher konsequent und chancenorientiert nach vorn, statt über Vergangenes zu jammern.

Was erwartet die Besucherinnen und Besucher am Stand der elbe gruppe auf der EFX, und mit welchen Fragen sollten sie nach Stuttgart kommen?

Haiber: Wir haben unseren Stand auf der EFX – ganz im Geiste der Kooperation – für zwei wichtige Partner geöffnet. Gemeinsam mit Frickly Systems und Würth Elektronik zeigen wir, wie wir als flexibles Team hochwertige Hardware „hier bei uns“, in Deutschland und Europa, für unsere Kunden entwickeln und fertigen. Damit wollen wir einen Beitrag zur unserer Meinung nach dringend nötigen Tech-Renaissance leisten – die kein nostalgischer Blick zurück auf vergangene Größe ist, sondern ein mutiger Drang nach vorn zu neuen Möglichkeiten. Unser Standfokus liegt voll auf Innovation, Geschwindigkeit und Freude an Neuem. Das spiegelt sich auch im Standdesign wider, mit dem wir anlässlich der EFX-Premiere gewohnte Pfade verlassen und uns etwas „ausgetobt“ haben… mehr darf ich aber an dieser Stelle noch nicht verraten.

Besucherinnen und Besucher dürfen grundsätzlich mit jeder Frage zu uns kommen; wir freuen uns immer über Austausch. Am besten können wir sicher jene unterstützen, die neue Produkte entwickeln oder bestehende verbessern wollen und dabei tiefe technische Expertise verknüpft mit jeder Menge Tatendrang und Freude an Zusammenarbeit suchen. Wir freuen uns auf neue Herausforderungen, mit denen wir gemeinsam unseren Wirtschaftsraum wieder erfolgreicher machen können.

Genau dafür steht aus unserer Sicht die gesamte EFX: Ein neues Selbstverständnis mitteleuropäischer Elektronikfertigung. Schnell, teamorientiert, technisch exzellent, ethisch und nachhaltig, und ja: auch preisbewusst – ohne billig zu sein!

Wir freuen uns auf eine hoffentlich rappelvolle Halle und drei Tage inspierierender Gespräche voller Ideen und Tatendrang.

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