07. - 11.03.2023 die Bildungsmesse
22.04.2021 - 10:00

„Die berufsbildenden Schulen müssen endlich raus aus dem Schattendasein„

Mehr Informationen zu modernen Unterrichtskonzepten an berufsbildendenden Schulen gibt es auch auf der didacta – die Bildungsmesse 

Die Corona-Pandemie hat berufsbildende Schulen rund fünf Jahre digitaler Unterrichtsentwicklung aufholen lassen, ist sich Joachim Maiß, Bundesvorsitzender des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung, sicher. Dennoch fehle es weiterhin an notwendiger Infrastruktur wie Gigabit-Anschlüssen, ausreichend Lehrkräften und finanziellen Mitteln.

Herr Maiß, der Monitor Digitale Bildung der Bertelsmann Stiftung aus dem Jahr 2016 hat laut den Autoren der Studie gezeigt, dass digitale Bildung im dualen Ausbildungssystem in Deutschland noch am Anfang steht. Was hat sich hier seit 2016 getan?
Die Grundvoraussetzungen für eine digitale Schule sind ein Gigabit-Breitbandanschluss, entsprechende Endgeräte für alle und vor allem eine Plattform, auf der ich kommunizieren kann. Bis zum Beginn der Corona-Pandemie ist das für die breite Masse der berufsbildenden Schulen schlichtweg nicht gegeben gewesen. Die größte berufsbildende Schule in Niedersachsen beispielsweise wird erst im Jahr 2023 eine Gigabit-Anbindung erhalten. Die Situation ist deutlich besser geworden, weil Corona der Digitalisierung einen Push gegeben hat. Ich behaupte, wir haben dadurch fünf Jahre gewonnen.

Eigentlich sollte der Digitalpakt Schule hier Abhilfe schaffen: Welche Auswirkungen hatte er auf die berufsbildenden Schulen? Immerhin läuft der Digitalpakt ja nun seit knapp zwei Jahren.
Das Geld aus dem Digitalpakt ist da. Die rein organisatorischen Umsetzungen bei den Schulträgern sind in weiten Bereichen getroffen worden, die Wirtschaftsförderungen sind auch aktiv. Wir haben aber ein ganz banales Problem: Es fehlen die Leute mit dem Bagger und der Schaufel, die den Breitbandanschluss an die Schulen bringen. Alternativ setzen die Telekommunikationsanbieter in der aktuellen Situation auf den Ausbau von 5G, um wenigstens in dieser Übergangszeit eine Lösung zur Verfügung zu stellen. Es ist also schon einiges passiert, aber letztlich brauchen wir nicht nur Lösungen für die Schulen, sondern auch für die Auszubildenden, die zu Hause auf Distanz lernen. Ich schätze, dass auch nach Corona um die 20 Prozent der Auszubildenden in dieser Form unterrichtet werden, weil das im Rahmen der Entwicklung der Medienkompetenz ganz entscheidende Vorteile hat. 

Was müsste sich an beruflichen Schulen neben der technischen Anbindung noch ändern, um die Schülerinnen und Schüler auf die Arbeitswelt 4.0 vorzubereiten?
Corona bietet uns die einmalige Möglichkeit, grundsätzlich Schule neu zu denken. Ein Professor hat es mal so plastisch beschrieben: Was wir in Schulen und in berufsbildenden Schulen machen, ist wie Postpferde dressieren. Es sitzen 24 Schülerinnen und Schüler in einer Klasse und wir versuchen, alle möglichst gleich zu beschulen. Der große Vorteil, den wir jetzt unter Corona auch gespiegelt bekommen, ist, dass wir viel mehr individuelles Lernen ermöglichen, einfach durch die entsprechende Digitalisierung. Wir können besser auf die Besonderheiten der einzelnen Schülerinnen und Schüler und auf die Besonderheiten der Ausbildungsberufe und Betriebe eingehen. Hier ist ein ganz großes Handlungsfeld gegeben. Wir sollten auch stärker auf offene Unterrichtsformen setzen, die allerdings ganz andere Schulgebäude brauchen, also Open Learning Center. Das werden alles Dinge sein, die wir in nächster Zeit brauchen, um die Future Skills zu vermitteln, die von der Wirtschaft mehr und mehr gefordert werden.

Welche Skills sind das?
Hierbei geht es um übergreifendes Wissen, problemlösendes Handeln, kreatives Handeln, aber auch um Resilienz und die Frage, wie gehe ich mit Konfliktsituationen um. All das werden Themen sein, für die wir keine Postpferde brauchen sondern die Lippizaner. Und dafür brauchen wir Lehrkräfte, die auf der Klaviatur des Digitalen perfekt spielen können, die im pädagogischen Prozess, der in Schule immer noch zwingend notwendig ist, die richtigen Methoden anwenden können.

In diesem Jahr steht die Bundestagswahl an. Was erwarten Sie von der Politik in Richtung berufsbildende Schulen?
Die berufsbildenden Schulen müssen endlich raus aus dem Schattendasein. Die berufliche Bildung ist in den Köpfen der Politik noch nicht so verankert, als dass die Bedarfe   automatisch mitgedacht werden und die vielfältigen Möglichkeiten und Chancen für die jungen Menschen gesehen werden. Den Sonntagsreden müssen Taten folgen. Die daraus abzuleitenden Handlungsnotwendigkeiten liegen klar auf dem Tisch: Wir haben in vielen Bundesländern eine Unterrichtsversorgung, die deutlich unter 100 Prozent liegt. In Niedersachsen beispielsweise fehlen 1.000 Berufsschullehrkräfte, die Unterrichtsversorgung liegt hier bei 90 Prozent. In den Gymnasien diskutieren wir – in Anführungszeichen – über 99,5 Prozent oder 101 Prozent. Die berufsbildenden Schulen sind in weiten Bereichen deutlich unterfinanziert. Das betrifft einerseits Personalschlüssel, aber auch die finanzielle Ausstattung. Die die Lehrerausbildung muss auf andere Füße gestellt werden, gerade auch in puncto Digitalisierung und E-Didaktik. Digitale Ausbildung an der Hochschule besteht häufig noch aus dem Word- und Excel-Kurs, ist aber längst nicht das, was ich als Schulleiter einer Berufsbildenden Schule von den Absolventinnen und Absolventen erwarte, wenn es darum geht, digitale Möglichkeiten in den Unterricht zu integrieren.

Über die didacta 2021

Die didacta 2021 ist das virtuelle Live-Event für die Bildungsbranche. Vom 10. bis 12. Mai 2021 führt Europas führende Bildungsmesse wieder Lehrkräfte, ErzieherInnen, AusbilderInnen sowie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Starke PartnerInnen aus Bildungsinstitutionen, Ministerien, Lehrer- und Fachverbänden und der Bildungswirtschaft sowie innovative BranchenexpertInnen präsentieren auf der Online-Plattform an drei Tagen ihre neuesten Produkte und Bildungskonzepte. Teilnehmende erhalten in Live-Chats Beratung von jedem Ort der Welt. Ein umfassendes Programm mit spannenden Diskussionen, Key Notes und lösungsorientierten Produktpräsentationen thematisiert aktuelle Entwicklungen, bietet Möglichkeiten zum Dialog und zeigt Wege für Gegenwart und Zukunft. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Kultusministerium Baden-Württemberg. 

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Ausbildung in Corona-Zeiten: Was Lehrer und Ausbilder wissen müssen

     

  • Arno Limmeroth, Kultusministerium Baden-Württemberg
  • Dr. Thomas Schnell, Carl Zeiss AG
  • Joachim Maiß, Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung
  • Torben Padur, Bundesinstitut für Berufsbildung
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10.05.2021

14-14:45 Uhr

Zwei Jahre Digitalpakt - wo stehen wir? 

     

  • Carlo Dirschedl, Berufliche Schulen Altötting
  • Dr. Timm Kern, FDP
  • Joachim Maiß, Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung
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11.05.2021

11-11:45 Uhr

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2021 finden Sie unter www.didacta.digital und www.facebook.com/didacta-messe.

Information für Redaktionen: Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gerne zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. 

Bildmaterial:

dd_21_PM09_001_jpg: Joachim Maiß ist der Bundesvorsitzende des Bundesverbands der Lehrkräfte für Berufsbildung e.V. Bild: Joachim Maiß

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