„Das Abitur ist so vergleichbar wie noch nie.“

07.01.2020 - 11:00

Wie wird das Abitur vergleichbarer? Darüber debattiert Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing auf der didacta – die Bildungsmesse 2020.

Auf Basis des föderalen Systems im Abitur so viele Gemeinsamkeiten wie möglich auf höherem Niveau zu schaffen: Das fordert Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands. Im Interview spricht sie zudem über die Gefahr einer zunehmenden Polarisierung in Bildungseinrichtungen. 

Frau Prof. Dr. Lin-Klitzing, in 2017 wurde der gemeinsame Abituraufgabenpool eingeführt. Wie vergleichbar ist das Abitur rund drei Jahre später?
Das Abitur ist so vergleichbar wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Der Abiturprüfungspool ist zwar noch nicht für alle Aufgaben in jedem Bundesland verbindlich, aber daran arbeitet die Kultusministerkonferenz der Länder. Diese gemeinsame Weiterarbeit ist eine wichtige Komponente für eine stärkere bundesweite Vergleichbarkeit. Allerdings machen die Abiturprüfungen weniger als ein Drittel der Abiturnote aus. Selbst wenn die Vergleichbarkeit hier vollkommen gewährleistet wäre, gilt das nicht für das gesamte Abitur: Zwei Drittel der Abiturnote setzen sich aus den erbrachten Leistungen in der gymnasialen Oberstufe zusammen.

Wie könnte die Vergleichbarkeit dort gesteigert werden?
Ich plädiere für mehr Vergleichbarkeit auf höherem Niveau. Bundesweit müssten alle Schülerinnen und Schüler 40 Kurse in der zweijährigen gymnasialen Oberstufe belegen. Momentan werden je nach Bundesland 32 bis 40 Kurse eingebracht – die Differenz ist zu groß. Zudem sollte es überall fünf Abiturprüfungsfächer geben. Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache werden im Abitur durchgängig belegt – zusätzlich sollte sowohl in einer Naturwissenschaft als auch in einer Gesellschaftswissenschaft geprüft werden. Wir sollten auf der Basis des föderalen Systems versuchen, so viele Gemeinsamkeiten wie möglich auf einem erhöhten Niveau zu schaffen. Aus meiner Perspektive sind wir auf einem guten Weg dahin. 

Was halten Sie von einem Zentralabitur?
Zuerst muss definiert werden, was ein Zentralabitur ist. Wenn ausschließlich die schriftlichen Leistungen in Deutsch, Mathe und einer Fremdsprache vergleichbar geprüft werden, lehne ich das ab. Wir brauchen auch bei den Anforderungen in der zweijährigen Oberstufe mehr Vergleichbarkeit. 

Auf der didacta – die Bildungsmesse 2020 werden Sie neben dem Abitur auch über die Meinungsfreiheit an Schulen und Universitäten diskutieren. Welche Toleranz müssen Bildungsakteurinnen und -akteure gegenüber anderen Meinungen aufbringen?
Es gibt eine zunehmende Polarisierung in unserer Gesellschaft. Bei anspruchsvoller Bildung an Schulen und Universitäten darf jedoch keiner einseitigen Meinungsbildung das Wort geredet werden. Wir müssen unsere komplizierte Welt in aller Komplexität versuchen zu begreifen und bei strittigen Fragen auf dementsprechend hohem Niveau argumentieren. Dafür brauchen wir Meinungsfreiheit, keine politische Korrektheit. Wir brauchen den Anspruch, unterschiedliche Perspektiven auf eine Sache widerzuspiegeln und auszudiskutieren. Das, was in der Gesellschaft strittig ist, muss auch an Schule und Universität strittig besprochen werden. Der Umgang mit dieser Komplexität erfordert ein hohes Leistungsniveau. Es setzt voraus, dass Bildungsakteure sowohl viel wissen als auch verschiedene Blickweisen auf ein und dieselbe Sache zulassen. Dafür brauchen wir eine entsprechende Ausbildung unserer Lehrkräfte – und eine anspruchsvolle Lehre an der Universität.

Vom 24. bis 28. März 2020 führt die didacta - die Bildungsmesse in Stuttgart Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. 

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Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta – die Bildungsmesse 2020 in Stuttgart unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

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#didacta20


Bildunterschrift:

dd20_PM11: Prof. Dr. Susanne Lin-Klitzing ist Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands.

Bildquelle: DPhV

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