07. - 11.03.2023 die Bildungsmesse
06.05.2021 - 09:39

Corona-Schulpolitik: „Mir hat der harte Lockdown gefehlt“

Jürgen Böhm im Interview / Sicherheit und Strukturen für gute Bildung in Pandemie-Zeiten werden auf der didacta – die Bildungsmesse diskutiert

Über verfehlte und wankelmütige Corona-Schulpolitik, Probleme der Digitalisierung des Unterrichts und die Alltagsschwierigkeiten deutscher Lehrkräfte spricht Jürgen Böhm im Interview. In den vielen Herausforderungen sieht er jedoch auch zahlreiche Chancen für das deutsche Bildungssystem.

Herr Böhm, als Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer und Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbandes stehen Sie in Kontakt mit Schulen in ganz Deutschland. Wie beurteilen Sie die Entwicklung im deutschen Bildungssystem, wenn Sie auf das vergangene Jahr zurückblicken?

Nach dem Schock der ersten Schulschließungen haben die Schulen sehr schnell versucht, auf digitale Formate umzustellen. Was nicht heißt, dass es keine Schwachstellen mehr gibt. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, wie wir in den nächsten Jahren in den Fragen der Digitalisierung weiterkommen. Im Großen und Ganzen muss ich den Kolleginnen und Kollegen ein großes Kompliment machen, denn sie mussten Unterricht auf verschiedenen Wegen durchführen, ob Distanz-, Wechsel- oder Präsenzunterricht.

In den vergangenen Monaten haben Sie sich immer wieder kritisch zu den Maßnahmen und Beschlüssen der Bundesregierung und der Kultusministerien geäußert. Worin besteht ihre Hauptkritik?

Der Hauptkritikpunkt war für mich das wankelmütige, unklare Verhalten mit den Inzidenzwerten an Schulen. Es wurde zu lange gezögert, klare Maßnahmen umzusetzen. Mir hat der harte Lockdown gefehlt, denn die Gesundheit der Kolleginnen und Kollegen wurde so gefährdet. Jetzt sind wir auf einem guten Weg, denn die Lehrkräfte werden priorisiert geimpft.

Die Corona-Krise hat das föderale System in Deutschland vor große Herausforderungen gestellt. Das hat sich auch in den harten Verhandlungen der Ministerkonferenzen in den vergangenen Monaten gezeigt. Halten Sie im Bildungsbereich die föderale Lösung noch immer für angemessen, gerade vor dem Hintergrund einer Krise wie der Corona-Pandemie?

Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die föderalen Bildungsstrukturen in Deutschland gut sind. Was oftmals fehlt, sind gemeinsame Beschlüsse, etwa zur Qualität von Abschlüssen und grundlegende Handlungsstrategien. Gerade in der Pandemie wäre ein einheitlicher Umgang mit dem Infektionsgeschehen wichtig gewesen. Aber die föderale Bildungsstruktur grundsätzlich auf den Prüfstand zu stellen, halte ich für völlig falsch und populistisch. Es ist ein Unterschied, ob ich in Schleswig-Holstein oder in Bayern in der Bildung tätig bin. Wir brauchen einen differenzierten Blick auf Bildung und deshalb brauchen wir differenzierte Bildungsangebote.

Schauen wir in die Zukunft der Schule: Wie sieht für Sie die ideale digitale Unterrichtsgestaltung aus?

Der ideale Unterricht der Zukunft muss digitale Elemente ganz selbstverständlich beinhalten. Wir müssen die Bewegung jetzt mitnehmen und auch einen – wie sagt man so schön – digital gestützten Präsenzunterricht in allen Fächern pflegen. Die Schüler haben sich daran gewöhnt und es hat sich auch bewährt. Und ich glaube, dass gerade die Eltern den Vorteil der digitalen Informationswege nicht missen wollen. 

Sie sagen, die Lehrkräfte sollten diese digitale Entwicklung mitnehmen. Welche Lehren sollten Lehrkräfte darüber hinaus aus der Pandemie ziehen? 

Es muss ein Austausch über die erarbeiteten Unterrichtskonzepte einsetzen. Es sind sehr gute digitale Unterrichtseinheiten entstanden, die man jetzt nutzen kann. Auch die digitalen Informationsmöglichkeiten müssen wir mitnehmen. Die Kommunikation untereinander, mit Kollegen, mit Schulleitungen, mit Eltern und mit Schülern muss auf ein neues Niveau gehoben werden. Hier spielen digitale Medien eine große Rolle. Ich denke, es ist durchaus möglich, Videokonferenzen auch mal zwischendurch durchzuführen, ohne dass man sich in der Schule in Präsenz trifft. Solche Möglichkeiten muss man nutzen und da haben sich meines Erachtens Wege eröffnet, für die wir sonst Jahre gebraucht hätten. 

Schauen wir uns abschließend noch an, was für Sie eine Lehrkraft in der Zukunft mitbringen muss, um ein guter Lehrer oder eine gute Lehrerin zu sein?

Der Lehrberuf wird einer der herausforderndsten in der Zukunft sein. Fachliches Wissen bleibt die Grundvoraussetzung. Viel wichtiger sind aber in Zukunft auch die kommunikativen Fähigkeiten, das heißt: Sprachliche Kommunikation, aber auch die Kommunikation mit modernen Medien müssen beherrscht werden. Ich fordere seit Jahren schon eine digitale Grundausbildung für Lehrkräfte, auch an den Universitäten. Lehrkräfte brauchen zudem Fähigkeiten im Umgang mit Diversität. Wir brauchen gestählte Persönlichkeiten, die klar wissen, was sie wollen und wie sie mit Kindern und Jugendlichen umgehen wollen. 

Über die didacta digital 2021

Die didacta 2021 ist das virtuelle Live-Event für die Bildungsbranche. Vom 10. bis 12. Mai 2021 führt Europas führende Bildungsmesse wieder Lehrkräfte, ErzieherInnen, AusbilderInnen sowie Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. Starke PartnerInnen aus Bildungsinstitutionen, Ministerien, Lehrer- und Fachverbänden und der Bildungswirtschaft sowie innovative BranchenexpertInnen präsentieren auf der Online-Plattform an drei Tagen ihre neuesten Produkte und Bildungskonzepte. Teilnehmende erhalten in Live-Chats Beratung von jedem Ort der Welt. Ein umfassendes Programm mit spannenden Diskussionen, Key Notes und lösungsorientierten Produktpräsentationen thematisiert aktuelle Entwicklungen, bietet Möglichkeiten zum Dialog und zeigt Wege für Gegenwart und Zukunft. Die Veranstaltung wird unterstützt vom Kultusministerium Baden-Württemberg. 

Diese Veranstaltung auf der didacta digital könnte Sie interessieren:

Diskussion: Sicherheit und Strukturen für gute Bildung in herausfordernden Zeiten

• Christopher Bick, stashcat GmbH

• Jürgen Böhm, Verband Deutscher Realschullehrer VDR

• Tim Brauckmüller, atene KOM GmbH

• Irmgard Mühlhuber, Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL)

10.05.2021

12 Uhr bis 12:45 Uhr

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta 2021 finden Sie unter www.didacta.digital und www.facebook.com/didacta-messe. Und hier geht es zur Anmeldung: www.messe-stuttgart.de/didacta/didacta-digital/plattform/

Bildmaterial:

dd_21_PM014_001: Jürgen Böhm ist Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Realschullehrer und Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbandes  Bild: Marco Urban

zurück zur Übersicht