„Zwang spielt eine große Rolle“

10.12.2019 - 12:00

Prof. Dorothee Gutknecht im Interview zu Konflikten im Kita-Alltag / Die didacta – die Bildungsmesse 2020 in Stuttgart widmet sich diesem Thema

Essen und Trinken, Schlafen und Sauberkeitserziehung – die Aufgaben von Kita-Fachkräften im Rahmen der Alltagsroutinen sind vielfältig. Dorothee Gutknecht ist Professorin im B.A.-Studiengang Pädagogik der Kindheit an der Evangelischen Hochschule Freiburg und befasst sich mit Grenzüberschreitungen im Kita-Alltag. Hier im Interview ihre Antworten zu diesem Thema. Auf der didacta – die Bildungsmesse 2020 in Stuttgart spricht sie im Forum 1 über diesen aktuellen Schwerpunkt.

Frau Prof. Dr. Gutknecht, Sie sprechen auf der kommenden didacta über Risiken im Kontext von Assistenz und Begleitung in den Lebensaktivitäten. Was kann man sich darunter vorstellen?
Es geht um Grenzüberschreitungen von Fachkräften gegenüber Kindern im Alltag einer Einrichtung. Die mediale Berichterstattung der letzten Jahre zeigt, dass diese Vorfälle in erster Linie Aktivitäten des Lebens betreffen: Das sind zum Beispiel Essen und Trinken, Schlafen und Ruhen, Ausscheiden etc. Vor Gericht werden oft Übergriffe in der Begleitung dieser Aktivitäten verhandelt, zum Beispiel am Bildungsort Mahlzeit und bei der Begleitung auf die Toilette. Insbesondere bei älteren Kindern ab vier Jahren verlieren Fachkräfte eher die Fassung, wenn sich die Kinder häufiger einkoten oder andere Verhaltensweisen zeigen, die für die Fachkräfte belastend sind.

Worin bestehen diese Grenzverletzungen?
Zwang spielt eine große Rolle. Alle Lebensaktivitäten können fachlich hochwertig oder eben grenzüberschreitend gestaltet werden, indem Kinder beim Warten auf das Essen beispielsweise gezwungen werden, auf den eigenen Händen zu sitzen. Oder wenn Kinder auf dem Schoß fixiert werden, um das Essen einzutrichtern. Im Kleinkindalter wird häufiger die sogenannte „Lätzchenfixierung“ angewendet: Da wird der Teller auf das Ende des umgebundenen Lätzchens gestellt, sodass das Kind sich kaum bewegen kann, ohne den Teller umzuwerfen. Beim Schlafen gibt es ähnliche Schwierigkeiten: Es gibt Schlafzwang und das Vorenthalten von Schlaf.

Treten die genannten Grenzverletzungen heute verstärkt auf oder hat sich der Blick der Gesellschaft auf die Betreuung von Kindern verändert?
Die beschriebenen Übergriffe hat es im institutionellen Bereich auch früher gegeben. Aktuelle Forschung zeigt heute viele Präventionsmöglichkeiten. Es ist durchaus eine neue Aufmerksamkeit für die respektvolle Begleitung der Lebensaktivitäten von Ein- bis Sechsjährigen durch Fachkräfte entstanden. Man weiß heute zum Beispiel mehr über die Gestaltung des Mittagsschlafs in Einrichtungen und dass Schlafzwang beispielsweise zu Schlafstörungen führen kann. Heute würde man empfehlen, stärker an den Müdigkeitssignalen entlang zu arbeiten und Kindern ohne Schlafbedarf zeitweise Ruhemöglichkeiten und eine lärmreduzierte Umgebung anzubieten.

Internationale Forschungsergebnisse zeigen, dass ältere Kinder in Institutionen ein höheres Misshandlungsrisiko haben, wenn sie noch nicht ausscheidungsautonom sind. Aus eigenen Feldforschungen wissen wir, dass Fachkräfte teilweise außer sich sind, wenn sich ein vierjähriges Kind einkotet, dies aus Scham nicht meldet und eine Kollegin später eine Dreiviertelstunde die Gruppe verlassen muss, weil der Kot inzwischen in Haaren, Hose und Schuhen ist. Vor Gericht landete ein Fall, in dem ein Kind als Strafe kalt abgeduscht wurde.

Was muss in Einrichtungen passieren, um solche Grenzüberschreitungen künftig zu vermeiden?
Wichtige Ansatzpunkte sind Schulung des Personals und eine deutlich verbesserte räumliche Ausstattung. Der Personalschlüssel muss für die Krippe aber auch für die Kita (3-6) verbessert werden, denn Überforderung kann zu mehr Übergriffen führen. Die Fachkräfte brauchen Anleitung nach neuesten Erkenntnissen zu allen Lebensaktivitäten: Wie gehe ich mit Ekel um? Wie begegne ich herausforderndem Verhalten am Tisch, wenn Kinder unglaublich wählerisch sind und das Essen verweigern? Es gibt inzwischen Bücher und Weiterbildungen, um diese Themen in die Einrichtungen zu tragen. Auch muss die achtsame Begleitung von Kindern in den Lebensaktivitäten in der Ausbildung an Fachschulen und im Studium behandelt werden.


Diese Veranstaltungen zum Thema sind besonders interessant:

Kita-Seminare

Grenzen im Kita-Alltag wahrnehmen, setzen und respektieren

Auftaktvortrag: Über Grenzen nach- und hinausdenken – unerlässlich für eine zukunftsorientierte Pädagogik

Referentin: Ursula Günster-Schöning, Weiterbildung, Beratung, Coaching

27.03.2020

10:30 bis 12:00 Uhr

ICS, C4

Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft


Forum 1: Wenn Grenzen im Kita-Alltag verletzt werden: Risiken im Kontext von Assistenz und Begleitung in den Lebensaktivitäten

Referentin: Prof. Dr. Dorothee Gutknecht, Evangelische Hochschule Freiburg

27.03.2020

13 bis 14:30 Uhr

ICS, C4.3

Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft


Forum 2: Brauchen Kinder Grenzen?

Referent: Wolfgang Bergmann, Leichtsinn. Kolbe & Bergmann GbR

27.03.2020

13 bis 14:30 Uhr

ICS, C4.2

Veranstalter: Didacta Verband der Bildungswirtschaft

Nähere Informationen zu den Veranstaltungen der didacta – die Bildungsmesse 2020 in Stuttgart unter www.didacta-messe.de und www.facebook.com/didacta-messe.

Interviews, Texte und Zitate aus diesem Themendienst können gern zur redaktionellen Berichterstattung verwendet werden. Beim Bildmaterial bitte die Nutzungshinweise am jeweiligen Bild beachten.  

Der Themendienst im Überblick: Weitere Artikel und Interviews zur didacta 2020 im Dossier auf www.bildungsklick.de. 

Textdatei, Messefotos der didacta 2019 und Messelogos kann man im Internet herunterladen unter www.didacta-messe.de/journalisten

#didacta20


Bildunterschrift:

Bild 01: Prof. Dr. Dorothee Gutknecht ist Professorin an der Evangelischen Hochschule Freiburg.

Bildquelle: Gudrun de Maddalena, Tübingen

Dieses Bild kann unter Angabe der Bildquelle für die redaktionelle Berichterstattung verwendet werden. 

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