„Einen Neustart des Bildungsföderalismus sehe ich nicht.“

28.01.2020 - 11:00

Prof. Dr. Petra Stanat erklärt im Interview die Vor- und Nachteile des föderalen Bildungssystems.

Die Bildungsforscherin Petra Stanat leitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB), das die Länder bei der Präzisierung und Weiterentwicklung von Bildungsstandards unterstützen soll. Das föderale Bildungssystem in Deutschland empfindet sie als Fluch und Segen zugleich.

Frau Prof. Dr. Stanat, empfinden Sie den Bildungsföderalismus in Deutschland als etwas Positives oder Negatives? 
Sowohl als auch. Auf der positiven Seite schützt die Verteilung von Macht auf verschiedenen Ebenen davor, dass sich problematische Entscheidungen flächendeckend auswirken. Wenn die Bildungspolitik in einem Land zum Beispiel entscheidet, Maßnahmen der Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung abzuschaffen, betrifft dies zunächst nur das Schulsystem dieses Landes und nicht ganz Deutschland. Außerdem bestehen Unterschiede zwischen den Ländern, auf die sich in einem dezentralen System potenziell besser reagieren lässt als in einem zentralen System. Nehmen Sie etwa den sehr unterschiedlich hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen, die Deutsch als Zweitsprache lernen, oder auch die Nähe einiger Bundesländer zu verschiedenen Nachbarstaaten Deutschlands. Solche Besonderheiten sollten bei Sprachförderung und Fremdsprachenunterricht natürlich berücksichtigt werden. Auf der negativen Seite hat der Föderalismus, so wie er in Deutschland umgesetzt wird, dazu geführt, dass sich die Bildungssysteme weit auseinanderentwickelt haben und ihre Gleichwertigkeit fragwürdig erscheint. Bei 16 Ländern ist es nicht trivial, sich in dieser Ausgangslage nun verstärkt anzunähern, etwa beim Abitur, das öffentlich besonders viel Aufmerksamkeit erhält.

2018 versprach die Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder (KMK) einen „Neustart“ des Bildungsföderalismus. Was hat sich seitdem getan? 
Bei der Gestaltung der Abiturprüfung ist die KMK tatsächlich zunächst große Schritte vorangekommen. Die Entwicklung gemeinsamer Abituraufgabenpools in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch und Mathematik, aus denen sich die Länder bedienen können, läuft gut. Allerdings sind weitere Annäherungen erforderlich, damit die Poolaufgaben in den Ländern unverändert in den Abiturprüfungen eingesetzt werden können. Das ist ein ziemlich holpriger Prozess. Auch in anderen Bereichen einigt sich die KMK auf Gemeinsamkeiten wie etwa auf Bildungsstandards für die Allgemeine Hochschulreife in den naturwissenschaftlichen Fächern, die im Jahr 2020 verabschiedet werden sollen. Gleichzeitig ist aber zum Beispiel Niedersachsen aus den Vergleichsarbeiten ausgestiegen, obwohl diese Teil der Gesamtstrategie der KMK zum Bildungsmonitoring sind. Einen Neustart des Bildungsföderalismus sehe ich nicht. Der Anfang 2018 angekündigte Staatsvertrag liegt jedenfalls immer noch nicht vor.

Das IQB überprüft regelmäßig, inwieweit die Kompetenzziele in deutschen Schulen erreicht werden. Wie ist der aktuelle Stand? 
Das ist je nach Schulstufe und Fach unterschiedlich. In der vierten Jahrgangsstufe haben wir zwischen den Jahren 2011 und 2016 im Fach Mathematik und in den Kompetenzbereichen Zuhören und Orthografie im Fach Deutsch ungünstige Entwicklungen gesehen, die in der Orthografie besonders ausgeprägt waren. Im Kompetenzbereich Lesen waren die Ergebnisse hingegen stabil, trotz der deutlich gestiegenen Heterogenität der Schülerschaft, was als Erfolg gewertet werden kann. In der neunten Jahrgangsstufe waren zwischen den Jahren 2009 und 2015 im Fach Englisch positive Entwicklungen zu verzeichnen, im Fach Deutsch hingegen Stabilität. Und auch im Fach Mathematik und in den naturwissenschaftlichen Fächern haben sich die von Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern erreichten Kompetenzen in Deutschland insgesamt zwischen den Jahren 2012 und 2018 nicht signifikant verändert. Die Ergebnisse der einzelnen Bundesländer unterscheiden sich jedoch weiterhin erheblich. Zum Teil entsprechen die Differenzen der Ländermittelwerte dem Lernzuwachs, den Schülerinnen und Schüler im Durchschnitt in einem Schuljahr erreichen sollten. 

Vom 24. bis 28. März 2020 führt die didacta als weltweit größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wieder Lehrerinnen und Lehrer, Erzieherinnen und Erzieher, Ausbilderinnen und Ausbilder sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in Stuttgart zusammen. 

 

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dd_20_PM_14: Die Berliner Bildungsforscherin Petra Stanat leitet das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.

Bildquelle: IQB

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