„Verlässliche Informationen sind das A und O“

17.10.2017 - 08:12

Interview mit Dr. Rüdiger Leidner, Vorstandsvorsitzender von Tourismus für Alle Deutschland e.V. (NatKo), der zum ersten Mal auf der CMT ausstellt

Barrierefreies Reisen ist schon lange kein Thema mehr ausschließlich für Randgruppen, sondern betrifft eine stetig wachsende Zahl von Urlaubern. Verlässliche Informationen über die angenehmste Art des Reisens sowie über die Bedingungen für Menschen mit Handicap in den jeweiligen Destinationen sind für deren Urlaubsplanung unerlässlich. Dr. Rüdiger Leidner, Vorstandsvorsitzender der NatKo, Tourismus für Alle Deutschland e.V., der sich zum ersten Mal auf der CMT in der Alfred Kärcher Halle 8 präsentiert, äußert sich im Gespräch mit Axel Recht zu den Aufgaben der zentralen Anlaufstelle in Deutschland für die Belange des barrierefreien Tourismus.

Herr Dr. Leidner, Sie sind der ehrenamtliche Vorsitzende von „Tourismus für Alle Deutschland e.V. (NatKo)“ und Tourismusbeauftragter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes. Was verbirgt sich hinter dem Kürzel Natko und wofür steht NatKo inhaltlich?

Leidner: Die NatKo wurde 1999 als Nationale Koordinationsstelle Tourismus für Alle e.V. von namhaften Bundesbehindertenverbänden gegründet. 2014 wurde der Name - auch zur leichteren Übersetzung ins Englische und Anpassung an die Namen der Organisationen in der EU – in „Tourismus für Alle Deutschland e.V.“ geändert. Die Abkürzung haben wir beibehalten, da sie sich im allgemeinen Sprachgebrauch wie ein Markenzeichen durchgesetzt hat. Die NatKo versteht sich als Schnittstelle zwischen Behindertenselbsthilfe, Tourismuswirtschaft und -politik und ist, wie es im Aktionsplan der Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention heißt, die „zentrale Anlaufstelle in Fragen des barrierefreien Tourismus“. Unser Ziel ist es, die Teilnahme behinderter Menschen am allgemeinen Tourismus zu verbessern. Das heißt, wir verfolgten einen inklusiven Ansatz schon zehn Jahre vor Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention.

Was hat es mit dem Kennzeichnungssystem „Reisen für Alle“ auf sich?

Leidner: Für die Planung einer Reise ist es absolut notwendig, verlässliche Informationen über die angebotenen Leistungen zu haben. Das gilt für jeden Reisenden, für Reisende mit einer Behinderung hinsichtlich der Barrierefreiheit aber ganz besonders. In Deutschland gibt es eine Vielzahl von Kennzeichnungssystemen hierfür, und die meisten beruhen auf nicht überprüften Selbstauskünften. Mit „Reisen für Alle“ wollen wir, das Deutsche Seminar für die Tourismus und die NatKo, mit Unterstützung des Bundeswirtschaftsministeriums ein bundeseinheitliches Informations- und Kennzeichnungssystem für barrierefreie touristische Angebote schaffen. Die Anforderungen, die diese Angebote bei der Überprüfung durch von uns geschulte Personen erfüllen müssen, sind auf www.reisen-fuer-alle.de nachzulesen.

Als Vorsitzender der NatKo liegen Ihnen die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen am Herzen. Was genau sind Ihre Kernaufgaben?

Leidner: Im Vorstand der NatKo sind mehrere Behindertenverbände vertreten. Der Vorstand steuert und kontrolliert die zahlreichen Beratungsprojekte, die die Mitarbeiter der Geschäftsstelle im Auftrag von Ministerien, Landkreisen, Museen und Naturparken organisieren. Daneben bringen sich die Vorstandsmitglieder aktiv in die Öffentlichkeitsarbeit der NatKo ein. Neben zahlreichen Vorträgen, die im Laufe eines Jahres zu halten sind, möchte ich insbesondere auf den Tag des barrierefreien Tourismus hinweisen, der seit 2012 jedes Jahr auf der Internationalen Tourismusbörse in Berlin stattfindet.

Worauf sollte man bei der barrierefreien Reiseplanung achten, um Schwierigkeiten möglichst gering zu halten oder besser ganz zu vermeiden?

Leidner: Das A und O ist die Verlässlichkeit der Information über die Barrierefreiheit der Reise im Hinblick auf die eigenen Anforderungen. Hier stehen wir leider immer noch ganz am Anfang. Ich kann daher Reisenden, die in irgendeiner Form auf Barrierefreiheit angewiesen sind, nur empfehlen, ihre Anforderungen so genau wie möglich schriftlich zu formulieren und sich die Erfüllung vom jeweiligen Anbieter schriftlich bestätigen zu lassen.

Wo sehen Sie noch Optimierungspotenzial in Deutschland und sind wir auf einem zukunftsträchtigen Weg, was barrierefreies Reisen angeht?

Leidner: Wir sind in Deutschland, auch im Vergleich zu manchen unserer Nachbarländer, hinsichtlich der Barrierefreiheit touristischer Angebote auf einem guten Weg. Wir wissen nur leider viel zu wenig darüber, weil überprüfte Informationen kaum vorhanden sind. 

Kommen wir nun zum Ihrem ersten Auftritt auf der CMT in Stuttgart. Was versprechen Sie sich davon, was sind Ihre Erwartungen?

Leidner: Ich freue mich, dass wir dank der Unterstützung durch das Bundeswirtschaftsministerium im Rahmen von „Reisen für Alle“ zum ersten Mal als Aussteller auf der CMT sein können. Wir werden diese Gelegenheit zum Gedanken- und Erfahrungsaustausch mit anderen Ausstellern und den Besuchern nutzen. Dabei geht es natürlich nicht nur um „Reisen für Alle“, sondern auch um die anderen Aktivitäten der NatKo.

Was werden die Messebesucher bei Ihnen am Stand vorfinden oder erleben? Wird es neben viel Information auch Beratungen geben?

Leidner: Wir werden am Stand beraten und Informationen zu barrierefreien Angeboten aus den einzelnen Bundesländern bereitstellen. Ferner möchten wir die Besucher damit vertraut machen, sich selber im Internet über die Reisen-für-Alle-Homepage, zu informieren.

Werden Sie mit anderen Einrichtungen zum Beispiel dem Zentrum selbstbestimmt Leben (ZsL) in Stuttgart, das auf der CMT seit vielen Jahren den „Goldenen Rollstuhl“ für vorbildliche barrierefreie Angebote verleiht, auf der Messe kooperieren?

Leidner: Für uns hat Netzwerkarbeit generell einen hohen Stellenwert. Wir freuen uns darauf, diese Aktivitäten auf der CMT um neue Kontakte ergänzen zu können. Das gilt insbesondere auch für das ZsL.

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