„Die Welt wird voller“

15.01.2019 - 12:42

Wenn mehr Gäste kommen, als das Reiseziel verkraftet: Overtourism war ein zentrales Thema des fvw Destination Germany Day auf der CMT

Wie könnte er aussehen, der verträgliche Tourismus, der bei Gästen und Einheimischen gleichermaßen hohe Akzeptanz genießt? Dieser und anderen Fragen gingen die Teilnehmer des fvw Destination Germany Day am Dienstag, 15. Januar, auf der CMT in Stuttgart nach. Unter dem Motto „Neue Rollen, neue Märkte“ wurden Lösungsansätze diskutiert, die Nachhaltigkeit, Qualität und eine gezielte Steuerung der Touristenströme in den Mittelpunkt stellen.

„Gäbe es ein übergeordnetes Thema für das Tourismusjahr 2018, dann wäre es Overtourism“, sagte Sabine Pracht, Chefredakteurin des Veranstalters FVW Medien GmbH. „Die Touristik muss aufpassen, dass sie nicht in Verruf gerät, denn schließlich soll Urlaub Spaß machen.“ Wachstum finde in Deutschland überall statt, und auch viele kleinere Kommunen erkannten derzeit, dass sie an ihre Kapazitätsgrenzen stießen.

Zusätzlicher Faktor Verstädterung

Burkhard Kieker, Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH Visit Berlin, betonte in seinem Keynote-Vortrag, dass die Problematik nicht allein der Besucherzunahme anzulasten, sondern vielmehr ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren sei: „Die Welt wird voller. Wir erleben eine rasante Verstädterung – allein in Berlin hatten wir in den letzten Jahren einen Zuzug von 300 000 Neubürgern.“ Daneben hätten sich bestimmte „Hot Spots“ wie das Brandenburger Tor oder die Museumsinsel entwickelt, „wo sich im Sommer die Touristenströme drehen“. In der Stadt, die sich „erst seit dem Mauerfall“ zum Reiseziel entwickelt habe, entstünden „scharfe Nutzungskonflikte“, die man „nicht gewohnt“ sei. Mit 235 000 Vollzeitbeschäftigten sei der Tourismus jedoch eine der wichtigsten Schlüsselbranchen in der Hauptstadt. „Berlin ist heute ein Gorilla im internationalen Städtetourismus, gleich nach London und Paris. Die Frage ist nun, wie geht man mit diesem Erfolg und seinen Folgen um?“

Destinationen leben von ihrer Authentizität 

Unkontrolliertes Wachstum berge die Gefahr, das zu zerstören, was eine Destination ausmache, nämlich ihre Authentizität, erklärte Kieker und zitierte Hans Magnus Enzensberger: „Der Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet.“ Viele Städte „ersticken am Tourismus“. Wenn die Belastung den Nutzen übersteige, könne das Ganze kippen. In Amsterdam habe man „das Stadtmarketing abgewickelt“, in Barcelona sei eine ganze Stadtregierung „weggefegt“ worden. Dort bedeuteten vor allem die täglich anlegenden Kreuzfahrtschiffe „keine nennenswerte Wertschöpfung“ für die Bevölkerung.

Lösungsansatz: „räumliche Differenzierung“

Doch gebe es durchaus Lösungsansätze, so Kieker: New York etwa versuche, seine Touristen nicht nur nach Manhattan, sondern gezielt auch in andere Stadtteile zu lenken. Dasselbe versuche man in Berlin, wo Bezirke wie Mitte oder Kreuzberg „keine Touristen mehr wollen“, andere Stadtteile wie Marzahn oder Spandau hingegen „gerne mehr Gäste begrüßen würden“. Neben der „räumlichen Differenzierung müssen wir diese Bezirke touristisch ertüchtigen“, sagte Kieker. Hier sei in erster Linie die Politik gefragt, die jeweilige Infrastruktur vor Ort auszubauen. Das Berliner Tourismuskonzept „2018+“ sehe deshalb Maßnahmen zum Erhalt der Akzeptanz, zur Sauberkeit und zur Entzerrung der Tourismusströme vor. Dabei sei eine entsprechende Bürgerbeteiligung unerlässlich.

Ein leuchtendes Beispiel, wie dies gelingen kann, gab anschließend Wilhelm Loth, Geschäftsführer der Staatsbad Norderney GmbH. „Auf Norderney kommen pro Jahr 550 000 Gäste auf 6000 Einwohner. Mit 3,7 Millionen Übernachtungen ist die Insel eine der wichtigsten Urlaubsdestinationen in Deutschland, eine absolute Monostruktur, die zu hundert Prozent vom Tourismus abhängig ist.“ Für die Einheimischen bedeute die touristische Beliebtheit Norderneys aber nicht nur ein gesichertes Einkommen, sondern auch viele Probleme, etwa die hohen Miet- und Immobilienpreise. Daher gelte es, „kreativ, unternehmerisch und ganzheitlich“ stets den Interessenausgleich im Auge zu behalten: „Unsere goldene Regel lautet, dass wir in den Schuhen des Gastes und des Insulaners stehen.“

Zusammenspiel von Wirtschaft, Politik und Bevölkerung

Grundlage des verträglichen Tourismus auf Norderney sei das Zusammenspiel von Wirtschaft und Politik unter aktiver Einbeziehung der Bevölkerung, etwa durch die „fest etablierte“ Einbindung in Bauvorhaben oder den Einsatz ausschließlich einheimischer Foto-Models bei der Produktion von Werbematerialien. Tourismusstrategie und Inselplanung bildeten somit eine Einheit, die innerhalb der Bevölkerung zu einer hohen Identifizierung mit der Insel als Tourismusziel geführt habe. Für die Tourismus-Organisation des ältesten Nordseeheilbades ein Glückfall – und Ergebnis einer konsequenten Strategie: „Man darf nicht darauf warten, dass die Menschen kommen, sondern muss auf sie zugehen.“

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