Barrierefreie Rundgänge auf der CMT

06.01.2020

Interview mit Julia Marmulla, Tourismusberaterin für barrierefreies Reisen, die zum zweiten Mal dieses Angebot für Messebesucher organisiert

Nach der Premiere im Vorjahr ist das Thema Reisen ohne Barrieren auch bei der diesjährigen CMT hoch angesiedelt. Julia Marmulla, Tourismusberaterin Barrierefreies Reisen und Vermarktung, wird an drei Tagen auf der Stuttgarter Urlaubsmesse Rundgänge zu diesem Thema organisieren. Im Gespräch mit Axel Recht spricht sie über die Notwendigkeit dieser Angebote.

Frau Marmulla, bei der CMT 2020 finden zum zweiten Mal „Barrierefreie Rundgänge“ statt. Welche Erfahrungen haben Sie damit im Vorjahr gemacht?

Marmulla: Die Rundgänge im Rahmen der CMT 2019 wurden sehr gut angenommen, deswegen führen wir das Format auch weiter. Sowohl die Teilnehmer als auch die Aussteller waren insgesamt zufrieden über den Austausch und vor allem über die gewonnenen Inspirationen für die nächsten Ausflüge und Reisen. Um den Austausch zu intensivieren, beschränken wir die Teilnehmeranzahl für die CMT 2020 auf zwölf Menschen pro Rundgang – so kann eine noch individuellere Beratung stattfinden.

Warum sind solche Rundgänge eigentlich sinnvoll und notwendig?

Marmulla: Nicht alle Destinationen und nicht jeder Anbieter bieten barrierefreie Erlebnisse beziehungsweise  Reisemöglichkeiten an. Ich würde sogar sagen, dass die wenigsten es tun. Und die, die ein entsprechendes Angebot im Portfolio haben, kommunizieren es oft zu wenig. Entsprechend ist es für Menschen mit Behinderungen auf Messen schwierig, das passende Angebot zu finden. Die Rundgänge auf der CMT unterstützen also den Austausch zwischen den Urlaubszielen, Anbietern und den Reisesuchenden.

Welche CMT-Aussteller werden Sie dabei besuchen und warum gerade diese?

Marmulla: Wir werden ganz unterschiedliche Destinationen und touristische Anbieter im Rahmen der Rundgänge besuchen – beispielsweise den Stand der Pfalz, der Alpenregion Tegernsee Schliersee, den Sprachreisenanbieter „Sprachenmarkt“ und einen Reiseveranstalter für rollstuhlgerechte Thailandreisen. Die Rundgänge sollen die ganze Bandbreite an barrierefreien Reisemöglichkeiten aufzeigen: Nah- und Fernreisen, Aktiv-, Relax- und Kulturreisen, Städte- und Naturreisen etc. Zudem werden die Ansprechpartner etwas zu Übernachtungsmöglichkeiten erzählen – einer der großen „Herausforderungen“, wenn man mit dem Rollstuhl unterwegs ist.

Ganz allgemein: Wie ist die aktuelle Situation für Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind und die dennoch verreisen möchten?

Marmulla: Rollstuhlfahrer oder auch Rollator-Nutzer können sich noch lange nicht so einfach ein Ziel heraussuchen wie Fußgänger. Das fängt bei den Unterkünften an – viele Bestandsbauten sind alles andere als rollstuhlgerecht oder seniorenfreundlich. Man denke nur an Stufen im Eingangsbereich oder zu den Zimmern. Viele neuere Hotels haben inzwischen ein bis zwei rollstuhlgerechte Zimmer, die gut nutzbar sind. Dennoch schleichen sich oft kleine Mängel ein, weil sich viele Architekten und Handwerksfirmen nicht in die Situation von Rollstuhlfahrern eindenken können oder der Meinung sind, dass Menschen mit Behinderungen immer in Begleitung unterwegs sind. Wenn man nicht nur auf die Unterkünfte, sondern auch auf die An- und Abreise sowie die Aktivitäten vor Ort schaut, wird es noch komplizierter. Gleichwohl sich die Situation für Rollstuhlfahrer im Tourismus insgesamt peu à peu verbessert – das ist zumindest mein Eindruck, der aber auch nicht von allen Rollstuhlfahrern geteilt wird. Für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen und für hörbeeinträchtigte Menschen tut sich leider sehr wenig.

Um das Reisen für Rollstuhlfahrer einfacher zu machen, fehlt es oft an Informationen. Das macht die Planung von Reisen sehr mühsam - hier kommen wieder die Rundgänge ins Spiel. Und das ist übrigens der Hauptgrund, warum ich das Reisemagazin „Meine Reisewelt. einzigartig - komfortabel - barrierefrei“ ins Leben gerufen habe. Das Magazin werde ich bei den Rundgängen auch verteilen.

Was wird unternommen, um die Lage für diese Reisenden zu erleichtern oder zu verbessern, und was muss unternommen werden, um diese Ziele umzusetzen?

Marmulla: Viele Anbieter verharren im Status quo, weil sie der Meinung sind, dass sich die Investitionen nicht lohnen oder Barrierefreiheit zu teuer ist. Natürlich muss man jeden Fall einzeln prüfen, aber es gibt gute Gründe, zunächst das Gegenteil anzunehmen. Circa 10 Prozent aller Menschen in Deutschland haben eine Behinderung, dazu kommen alle, die aufgrund ihres Alters von der Barrierefreiheit profitieren. Im Neubau und bei vorausschauender Planung ist Barrierefreiheit oft nicht wesentlich teurer – das hat zumindest eine Umfrage des Rudolf-Müller-Verlags gezeigt. Und viele Anbieter, die sich dem barrierefreien Tourismus zuwenden, sind damit wirklich zufrieden – diese Erkenntnis gewinne ich immer wieder, wenn ich mich mit Anbietern unterhalte.

In touristischen Destinationen gibt es mittlerweile des Öfteren Förderprojekte, die zumindest eine gewisse „Sensibilisierung“ und die eine oder andere Reisebroschüre als Ergebnis vorweisen können. Besser wäre es natürlich, Stabsstellen für den barrierefreien Tourismus zu schaffen, damit das Thema langfristig in den Destinationen verankert wird. Barrierefreiheit und der demografische Wandel sind schließlich keine „Modeerscheinung“ wie Nordic Walking. Die Themen werden uns noch lange begleiten.

Und dann gibt es noch „Reisen für Alle“ – das Informationssystem, das eine relativ hohe Förderung unter anderem durch das Bundeswirtschaftsministerium erhalten hat. Über „Reisen für Alle“ konnten mittlerweile circa 2500 Objekte zertifiziert werden. Das bildet natürlich noch lange nicht alle touristischen Unternehmen ab. Im Urlaubskino auf der CMT werde ich übrigens einiges über das System erzählen … Ich denke, eine Einführung in „Reisen für Alle“ zu bekommen, kann für Reisende sehr spannend sein.

Ein Blick in die nahe Zukunft des kommenden Jahrzehnts: Angesichts der demografischen Entwicklung wird die Zahl der mobilitätseingeschränkten Menschen deutlich zunehmen. Diese werden aber nach wie vor reisen wollen. Sehen Sie dieser Entwicklung hoffnungsfroh oder sorgenvoll entgegen?

Marmulla: Baulich wird sich sicherlich etwas tun und für Rollstuhlfahrer bin ich insgesamt optimistisch, dass es spürbare positive Entwicklungen geben wird, aber weiterhin nur im gemäßigten Tempo. Rückschläge wird es allerdings immer wieder geben – das sehen wir auch heute. Ich glaube, dass sich die Entwicklung erst dann positiv beschleunigen wird, wenn eine Generation Kinder Schulen mit Inklusionsangeboten besuchen konnte.
Was Verbesserungen in der Kommunikation anbelangt, bin ich recht zuversichtlich, dass zumindest auf Destinationsebenen die Professionalisierung in diesem Bereich voranschreiten wird. Was einzelne Betriebe betrifft, bin ich eher skeptisch . . . 
Allerdings glaube ich nicht, dass sich beispielsweise für hörbeeinträchtigte Menschen oder für Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen im Tourismus viel ändern wird. Leider ist es nach wie vor so, dass wenn etwas getan wird, Rollstuhlfahrer und gehbehinderte Menschen im Vordergrund stehen. Aber ehrlicherweise muss man sagen, dass es viele touristische Destinationen und Anbieter wirklich überfordert, sich mit den Anforderungen von allen Nutzergruppen (Behinderungsformen) gleichzeitig auseinanderzusetzen. Denn gut durchdachte Barrierefreiheit ist gar nicht so einfach herzustellen, gleichwohl einige Grundprinzipien einfach zu befolgen sind. Diese Grundprinzipien kann man auch im Selbstversuch erlernen – ein paar Stunden im Rollstuhl oder mal mit verbundenen Augen die Welt neu kennen lernen, können sehr erkenntnisreich sein.

Die Rundgänge zum barrierefreiem Reisen finden statt am Mittwoch, 15. Januar, um 10:30 Uhr, am Donnerstag, 16. Januar, um 12:30 Uhr sowie am Freitag, 17. Januar, um 10:30 Uhr. Am selben Tag ist um 12:30 Uhr ein Pressegespräch zu diesem Thema mit der Landesbehinderten-Beauftragten Stephanie Aeffner am Stand vom Zentrum Selbstbestimmt Leben, Alfred Kärcher Halle 8, A90.

Bildunterschrift:

Julia Marmulla (re.) mit Bloggerin Laura Gehlhaar Foto: B-Plus-K / Xiomara Bender

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